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In Berlin ist das Leben ein Kabarett – schon wieder

In einer trostlosen Ecke der deutschen Hauptstadt nähert sich eine Reisegruppe von Teenagern ehrfürchtig einem stillgelegten Kraftwerk, das mit Graffiti und Stacheldrahtspulen bedeckt ist. Sie beäugten es ehrfürchtig, als würden Erstbesucher in London oder Paris Big Ben oder den Eiffelturm sein.

Ihr Führer stand vor dem Gebäude – das jetzt in einen Club umgewandelt wurde, der weithin als der Höhepunkt des Hardcore-Nachtlebens bezeichnet wird – und stellte es dramatisch vor.

Das, verkündete er, sei das Berghain.

Als Tempel des urbanen Vergnügens zieht das Berghain jedes Wochenende Tausende zu tagelangen hedonistischen Partys an und ist ein Symbol für Berlins neueste Inkarnation. 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer – ein Jubiläum am Sonntag – hat sich diese grüblerische Metropole von einer Hauptstadt des Kalten Krieges zu einem Magneten für ungezähmte Jugendliche entwickelt.

Relativ günstige Mieten und eine stark böhmische Sensibilität haben Berlin in das verwandelt, was Prag in den 1990er Jahren und Buenos Aires in den 2000er Jahren war – ein Leuchtturm für mittellose Hipster, internationale Künstler und Spaßmacher aller Couleur. Es gibt einen Bevölkerungsboom der Jugend: Mehr als 205.000 Menschen sind in den letzten drei Jahren aus aller Welt hierher gekommen, die meisten von ihnen sind unter 40 Jahre alt.

1von 33 Autoplay im Vollbildmodus Schließen Eine kurze Geschichte Anzeige überspringen × Der Fall der Berliner Mauer Fotos ansehenDeutschland feiert bald den 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer.Bildunterschrift Deutschland feiert bald den 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer.11. November 1989 Ein DDR-Grenzschutz schaut durch eine Öffnung in der Berliner Mauer nach Westen. Am nächsten Tag, dem 12. November, bauten die Ostdeutschen die Mauer am Potsdamer Platz ab, damit Ost- und Westdeutsche frei zwischen den beiden Berlins reisen können. Richard A. Lipski/The DNS SOWarten Sie 1 Sekunde, um fortzufahren.

Auch der Tourismus boomt. Und Umfragen zeigen, dass viele zumindest teilweise zum Feiern kommen – oder besser gesagt, um an einem Schub der Dekadenz teilzunehmen, den es seit den Kabaretttagen der 1930er Jahre nicht mehr gegeben hat.

Die Kathedrale der Coolness ist das Berghain, eine brodelnde Welt aus Drogen und Sex mit stundenlangen Schlangen und einer zufälligen Türpolitik, die Angst in die Herzen aller einlädt, die versuchen, einzutreten. Doch die Stadt quillt über von immer neuen Tempeln jugendlicher Ausgelassenheit, Befreiung und Gegenkultur. Zwielichtige Wasserlöcher Damit können Sie Ihre Biere in Bitcoin bezahlen. Urbane Gemeinden versprechen ein Leben ohne Bosse oder Kernfamilien. Vintage Burlesque-Shows mit hausgemachten Cupcakes. Von der Stadt geförderte Kunstateliers. Computer-Hacker-Clubs. DJ-Konventionen. Läden so cool, dass Sie keine Ahnung haben, was sie verkaufen.

Das sybaritische Versprechen der Stadt lockt Leute wie Tima Dzhergeniya, eine 31-jährige russische Emigrantin, die sich kaum an den Fall der Berliner Mauer erinnert. An seine erste Nacht im Berghain, während eines Auslandssemesters 2012, erinnert er sich jedoch noch lebhaft zurück. Es hat ihn so tief bewegt, dass er ein Jahr später hierher umgezogen ist. Jetzt lebt er in einer Zweizimmerwohnung für 600 Dollar im Monat, verdient sich seinen Lebensunterhalt mit einem Marketingjob und lebt für die Wochenenden, als er und andere Mitglieder der Berghain-Armee – eine Gruppe von Anhängern, die sich fast ausschließlich in Schwarz kleiden – die Verein.

Ich habe Christopher Isherwood gelesen und 'Cabaret' gesehen, bevor ich nach Berlin kam, und in gewisser Weise kann man sagen, dass diese Tage zurück sind, sagte Dzhergeniya, die wie viele der Neuankömmlinge kein fließendes Deutsch spricht und mit Englisch zurechtkommt , die Lingua Franca der Berliner Partyklasse. Ich denke, es gibt wirklich einen Grund, warum Menschen hierher ziehen: das Gefühl der absoluten Freiheit.

Berlin ist eine gute Zeit nicht fremd. Dekadent und tabubrechend vor dem Aufstieg von Adolf Hitler, inspirierte die Clubszene hier Isherwoods bahnbrechendes Werk Goodbye to Berlin. David Bowie und Iggy Pop tummelten sich in den 1970er Jahren in West-Berlin, und der legendäre Club SO-36 der Stadt setzte Maßstäbe für das Punk-Zeitalter.

Nach dem Fall der Mauer durchdrang die elektronische Musik- und Kunstszene in den 1990er und 2000er Jahren. Das Zentrum der kulturellen Schwerkraft der Stadt verlagerte sich nach Osten und gedieh in den verlassenen und heruntergekommenen Gebäuden des Berliner Stadtkerns. In jüngerer Zeit hat das Berliner Nachtleben das erreicht, was Beobachter eine kritische Masse nennen, wird größer und vielfältiger und flirtet mit dem Big M: Mainstream.

In der Tat gewinnen maßgeschneiderte Cocktailbars und Modenschauen Fuß, ebenso wie die besser betuchten Newcomer, die wegen ihrer Mieterhöhungen breit verspottet werden. Doch trotz anhaltender Gentrifizierung bleiben die Stadt und ihre Szene aggressiv glanzlos. Berlin ist in der Tat das Anti-Paris – eine Hauptstadt des wahren Mutes, in der Ferraris und BMWs in den angesagtesten Vierteln immer noch eher vor Neid angestarrt als angestarrt werden.

Berlin wird Mainstream in dem Sinne, dass sich die Szene jetzt in einem neuen Zyklus befindet, sagte Sven von Thülen, DJ und Co-Autor von Der Klang Der Familie: Berlin, Techno und der Mauerfall. Aber Berlin hasst immer noch Glamour. Sie lehnt die Promi-Kultur ab. Daran hat sich nichts geändert, und ich glaube, das wird es auch nie.

Berlins Shabby Chic wird global. Berlin Fridays – Versuche, die Raunch und Exzesse des Berghain einzufangen – sind in New Yorks verehrter Clubszene aufgetaucht. In Athen lassen sich Bars vom Berliner Secondhand-Stil inspirieren und importieren seine provisorische Mischung aus geretteten Möbeln und abgenutzten Wänden. Sogar Londons kompetitiver Bürgermeister Boris Johnson hat letztes Jahr seinen Hut vor Berlin gezogen und in einem Kommentar geschrieben, dass ich mich im modernen Berlin umschaue und eine Kultur sehe, die im Allgemeinen so cool und pflanzenfressend ist, dass das Fahrrad König ist.

Es gibt auch Anzeichen dafür, dass die Explosion der Jugendkultur hier einen Wirtschaftsboom der anderen Art anheizt.

Berlin ist eine der ärmsten Großstädte Deutschlands, die oft als Insel der Ineffizienz in einem Land dargestellt wird, das sonst für Präzision und Kompetenz bekannt ist. Der neue Flughafen zum Beispiel hat Jahre Verspätung und mehr als 2 Milliarden US-Dollar über dem Budget. Aber in den letzten Jahren hat Berlin eine Explosion der sogenannten Kreativwirtschaft erlebt – von Kunsträumen über Technologie-Start-ups bis hin zu Werbefirmen –, die von seinem Status als Leuchtturm für die Jugend profitiert haben.

Angetrieben wird das Wachstum der Branche von Unternehmen wie Wunderlist, einem Start-up auf App-Basis, mit dem Nutzer eine Vielzahl von To-Do-Listen auf verschiedenen Geräten verwalten können. Eingebettet in ein neues Hightech-Zentrum, das an ein noch erhaltenes Fragment der Berliner Mauer angrenzt, hat sich das Unternehmen von fast nichts im Jahr 2010 auf 60 Mitarbeiter und finanzielle Unterstützung von Sequoia Capital mit Sitz in den USA entwickelt.

Die jungen Mitarbeiter des Unternehmens genießen ein entspanntes und innovatives Arbeitsumfeld, das Googleplex solide aussehen lässt. Wunderlist zum Beispiel hat kürzlich ein Büromodell eingeführt, das traditionelle Manager und zugewiesene Arbeitslasten praktisch abschafft und stattdessen ein egalitäres System von rotierenden Führungskräften umfasst, die ihre Ideen an Kollegen verkaufen und sie davon überzeugen müssen, sich in temporären Teams zu engagieren.

Berlin hat eine erfrischende Jugend, und das nutzen wir zu unserem Vorteil, sagt Christian Reber, 28-jähriger Gründer und Geschäftsführer von Wunderlist, der in der ehemaligen DDR geboren wurde.

Er sträubt sich, wenn Außenstehende die Stadt und andere Teile Deutschlands als ehemaligen Osten und ehemaligen Westen bezeichnen.

Es ist 25 Jahre her, sagte er. Ich denke lieber an die Zukunft als an die Vergangenheit. Es ist Zeit weiter zu machen.

Stephanie Kirchner hat zu diesem Bericht beigetragen.