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BUCHWELT: DIE FATALE BERÜHRUNG DES 'VATERLANDS'

VATERLAND

Von Robert Harris

Beliebiges Haus. 338 S. $21

Als der ehemalige U-Boot-Kommandant und jetzige Berliner Polizist Xavier March seinen Partner vom Haken lässt und sich bereit erklärt, einen Mord am Rande der Stadt aufzuklären, denkt er sich nichts dabei. Doch schon nach kurzer Zeit findet er sich in einem bösartig verworrenen Netz von Verschwörungen wieder.

Wir schreiben das Jahr 1964, und es gibt viele Nazis, die die Ermittlungen erschweren, wie in unzähligen anderen Thrillern. Aber hier, statt im Hintergrund herumzuschleichen, stolzieren sie in schwarzen Uniformen und Hakenkreuzen im Vordergrund. Auch March trägt eine ihrer Uniformen und ist - wie alle Polizisten - SS-Offizier. Die Nazis gewannen den Krieg, und abgesehen von einigen lästigen russischen Guerillas östlich des Urals und den Vereinigten Staaten, die nie direkt beteiligt waren, aber den Widerstand an der Ostfront 20 Jahre lang unterstützt haben, geht die Sonne am Tausend- Jahr Reich.

Wir sind in der Woche vor Adolf Hitlers 75. Geburtstag, und ganz Berlin rüstet sich. Um die Aufregung noch zu steigern, hat Präsident Kennedy (in einer netten Geste der alternde Joseph Kennedy Sr.) Entspannung angeboten, und Visionen einer Pax Germania erfüllen die Luft. Was bedeutet ein einzelner Mord inmitten all dieser Ausgelassenheit?

Zum einen entpuppt sich die Leiche als die von Josef Bühler, fast von Anfang an ein Kamerad des Führers, der die Kriegsjahre im Osten verbrachte und mit dem berüchtigten polnischen Schlächter Hans Frank zusammenarbeitete. Zum anderen ereignete sich der Tod in der Nähe des mondänen Schwanewerder, der Insel, auf der die höchsten Nazis des Regimes (einschließlich Bühler selbst) in schwer bewachten Villen leben. Kaum haben die Ermittlungen begonnen, übernimmt die Gestapo in Person des sadistischen Odilo Globocnik - in der SS als Globus bekannt - den Fall, fordert die nationale Sicherheit und scheucht die örtliche Polizei. Xavier March lässt sich jedoch nicht leicht abschrecken und untersucht weiter. Bevor er durch ist, wird er Schrecken aufdecken, die er sich nicht vorstellen kann. Inspektor March wird seinen Job vorantreiben und den Holocaust aufdecken und entdecken, dass der Mythos der jüdischen Umsiedlung im Osten eine Lüge ist. All das kommt später. Zunächst scheint er es nur mit einem weiteren Mord zu tun zu haben.

Bald gibt es einen weiteren Mord; Diesmal ist das Opfer ein Wilhelm Stuckart. Auch ein Nazi alter Linie, hatte Stuckart nach vorläufigen Erkenntnissen der Abteilung für Sexualverbrechen der Berliner Polizei seine polnische Geliebte getötet und sich dann selbst erschossen. Der Tod wurde in der Presse als Herzversagen beschrieben, aber erschwert wird diese Art der ordentlichen Anordnung der Dinge durch die Tatsache, dass die Leichen von einer jungen amerikanischen Journalistin namens Charlotte Maguire entdeckt wurden.

Leser, die mit den Konventionen des Thriller-Genres vertraut sind, werden nicht überrascht sein zu erfahren, dass der Reporter und der Polizist mittleren Alters schließlich ihre Kräfte bündeln, um mehr als nur ein Rätsel zu lösen. Doch 'Vaterland' geht leicht über Konventionen hinaus. Die unheimliche Natur der Intrige und die Machenschaften, die zu ihrer Aufrechterhaltung erforderlich sind, werden mit Sorgfalt und Liebe zum Detail behandelt, die sie absolut glaubwürdig und durch und durch provokativ machen.

Während sich das heroische Stadtbild des von Albert Speer konzipierten Berlins langsam enthüllt, fühlt sich seine Ersatzgröße so real an, als wäre es tatsächlich gebaut worden. Als March beim exzessiven Durchsuchen seiner Marmordenkmäler auf Aufzeichnungen der berüchtigten Wannsee-Konferenz von 1942 stößt, auf der erstmals über die „Endlösung“ gesprochen wurde, spüren wir den gleichen Schock, als würden wir sie zum ersten Mal lesen. Die antisemitischen Äußerungen von Joseph P. Kennedy, die der deutsche Vorkriegsbotschafter in London aufgezeichnet hat, sind unbequeme Erinnerungen an eine umfassendere Komplizenschaft. Sobald wir alle Fakten erfahren, die die Nazis verbergen, werden wir genauso besorgt wie March und Maguire, die auch die Welt erfahren.

Als britischer Kolumnist und Autor eines Sachbuches über die gefälschten Hitler-Tagebücher ist Robert Harris ein gelungener Erstlingsroman gelungen. 'Fatherland' deckt gekonnt den gleichen Boden ab wie Len Deighton in 'S.S.-G.B.' und mit viel Flair von Martin Cruz Smith im 'Gorky Park'. Es erinnert auch an die Geheimnisse von Philip Kerr ('March Violets' usw.), dessen Privatdetektiv Bernie Gunther durch das Vorkriegs-Berlin streift und junge Inkarnationen vieler der gleichen Nazi-Führer trifft, die wir hier treffen. Harris' Roman mag an die Arbeit anderer erinnern, aber sein Werk bleibt eine einzigartige Errungenschaft, die eine ganz eigene, originelle und sorgfältig erarbeitete Spannung zeigt.

Der Rezensent schreibt häufig über zeitgenössische Belletristik.