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ES MUSS U2 SEIN

45.000 U2-Fans fanden gestern Abend im RFK-Stadion genau das, was sie suchten. Und nach fast vier Jahren abseits der Konzerte schien das irische Rockquartett durch die Wiedervereinigung mit seinen Fans belebt zu sein.

Als die Musiker den Stadionboden betraten und durch das Publikum gingen – wobei Frontmann und Sänger Bono eine Boxergestalt und Haltung annahm – war es offensichtlich, dass U2 den Titel des Schwergewichts-Champions zurückerobern wollte. Klugerweise kämpfte sie ihre Schlachten in einem Dreiring-Medienzirkus mit überdimensionalen Kitschkultur-Requisiten und einer riesigen Videoleinwand, auf der Bilder projiziert wurden, die sich wie die Band selbst als vieles auf einmal erwiesen: wörtlich, poetisch, surreal, subversiv und echt. Die Handlung spielte sich unter einem gigantischen Bogen ab, der skurril golden begann, aber je nach Bedarf die Farben wechselte, einem Stimmungsring nicht unähnlich.

Das zweistündige Konzert mischte hymnisch bekannte Melodien mit klanglich anspruchsvollem Material aus dem jüngsten 'Pop'-Album der Band. Einen Großteil des Abends schienen die Fans die neuen Songs von U2 zu respektieren, aber es war klar, dass sie die älteren wirklich liebten, insbesondere die, die von dem einfachen Schwung von Schlagzeuger Larry Mullen und Bassist Adam Clayton angetrieben wurden.

Die Band begann mit Liedern von familiärer Verwerfung und dem Wunsch nach Wiederverbindung; 18 Jahre getrennt in ihrem Schreiben, unterstrichen sie dennoch U2s Fokus auf ernsthafte Themen, sei es in der techno-getriebenen Angst von 'Mofo' oder der alten scharfen Dringlichkeit von 'I Will Follow'. Dann folgten der nahöstliche Einfluss von 'Even Better Than the Real Thing' und das grobe 'Gone', bevor die Band das erste der hymnischen Schreiben des Abends, 'Pride (In the Name of Love),' schickte, direkt gefolgt von 'Ich habe immer noch nicht gefunden, wonach ich suche.' Die Abstufung des letzteren von spiritueller Sehnsucht zu kriegerischer Beharrlichkeit zeugt von dem Gefühl des Suchens, das so viele Zuhörer ergriffen zu haben scheint.

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Von den neuen Songs hinterließ 'If God Will Send His Angels' den stärksten Eindruck (trotz beträchtlicher Widrigkeiten), dank einer sparsamen Interpretation, bei der Gitarrist The Edge eine Notenkapelle um Bonos eindringlichen Gesang aufbaute. Es gab auch einige faszinierende Verflechtungen: das straffe, aufgewühlte 'Last Night on Earth' mit dem apokalyptischen 'Until the End of the World' sowie das trip-Hop, techno-getriebene 'Miami' mit 'Bullet the Blue Sky'. ' Bono trug eine Melone und eine Jacke im Graffiti-Design, als er vor dem Hintergrund der Postkartenpropaganda für „Miami“ und einer animierten Version von Roy Lichtensteins Pop-Art-Düsenjägern für „Bullet the Blue Sky“ sang. Der Effekt war, als ob Joel Gray vom Deutschland der Vorkriegszeit in das Amerika der Vorkriegszeit wechselte und plötzlich entdeckte, dass das Leben kein Kabarett war.

Auch der humorvolle Instinkt von U2 war offensichtlich. The Edge machte Monkees aus sich selbst, der Band und dem Publikum, indem er ein Karaoke-Singen von 'Daydream Believer' anführte. Und gegen Ende der Show nahm die Band ihre Village People-Persönlichkeit an, kehrte in einer motorisierten 30-Fuß-Disco-Spiegelkugel auf die Bühne zurück und stieg eine Rampe hinunter, um durch die 'Discotheque' ausgelassen zu toben. Dies war eher ein Spinal Tap-Moment als ein Kodak-Moment.

Nachdem U2 dem inhaftierten indianischen Aktivisten Leonard Peltier (sein Name wurde gestern beim Besuch der Band bei Präsident Clinton im Weißen Haus) ein kraftvolles „Please“ gewidmet, etablierte U2 ein emotionales Zentrum mit scharfen Interpretationen von „Where the Streets Have No Name“, „With or Without You“ (auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis es gelähmt ist) und als letzte Zugabe das inspirierende „One“. Das Lied spricht vom Mitgefühl im Zeitalter von AIDS, vom Bedürfnis nach Gemeinschaft, von der heilenden Kraft der Liebe. Mit animierten Bildern der Arbeit des Künstlers Keith Haring, der selbst vor einigen Jahren an AIDS erkrankte, beendete die Band ihren Auftritt mit einer kraftvollen Aussage, die seit jeher ihre wahre Gabe war.

UNTERSCHRIFT: Bono startet letzten Monat in Las Vegas die 'PopMart'-Tour von U2: Die Band scheint bestrebt zu sein, ihren Titel als Schwergewichts-Champion zurückzuerobern.